
1912 bis 2001 · 1914 bis 2007
Erna und Kurt
Kretschmann
Sie bauten das Haus der Naturpflege
und gaben dem Naturschutz sein Gesicht.
Kurt an der Geige, Erna in der Tür des Blockhauses. Foto: Hartmut Sommerschuh
Er war gelernter Schneider und in Berlin geboren. Sie kam aus Bollinken bei Stettin und wuchs in Köslin auf. Beide waren Autodidakten. Zusammen machten sie aus einem Stück Land am Rand von Bad Freienwalde die älteste Umweltbildungsstätte Deutschlands und gaben dem Naturschutz ein Zeichen, das bis heute an jedem Schutzgebiet des Landes hängt.
Ihr unermüdliches Wirken ließ sie zu den Nestoren des ostdeutschen Naturschutzes werden. Wichtig waren ihnen darüber hinaus ihr über siebzig Jahre lang praktizierter Vegetarismus und das Bekenntnis zum Pazifismus. Das Ehepaar hielt offenes Haus und pflegte Kontakte weit über Ländergrenzen hinaus.
Kapitel 01 · Der Schneider aus Berlin
Ein Amt, für das ihm alles fehlte
Kurt Kretschmann wurde am 2. März 1914 in Berlin geboren, ging dort zur Volksschule und machte von 1928 bis 1931 eine Schneiderlehre. 1941 wurde er zum Kriegsdienst einberufen, 1942 heiratete er Erna Scherff in einer Ferntrauung. Nach einem Heimaturlaub desertierte er 1945 und verbrachte 75 Tage lang in einem Erdloch unter einer Gartenlaube, auf dem jetzigen Gelände des Hauses der Naturpflege.
1945 und 1946 baute er in Bad Freienwalde das Blockhaus als Wohnhaus. Es ist heute das Naturschutzmuseum.
1949 übernahm er mit 35 Jahren die Aufgabe des Kreisbeauftragten für Naturschutz im Kreis Oberbarnim. Die fachliche Expertise dafür musste er sich erst erarbeiten: kein Biologe, nicht auf dem Land aufgewachsen und als Zugezogener mit Gebiet und Bewohnern noch nicht vertraut. Seine Naturverbundenheit stammte aus einer von Reformbewegungen geprägten Biografie mit Wanderungen durch Europa, vegetarischer Ernährung und einem Leben als Selbstversorger.
Auf Exkursionen machte er sich mit seinem Gebiet vertraut. Er organisierte die ehrenamtlichen Aktivitäten des Oberbarnims, führte die Kartierung der Naturdenkmale fort, die sein Vorgänger Wilhelm Halle begonnen hatte, erfasste schützenswerte Arten und veröffentlichte Artikel in Heimatkalendern, Amtsblättern und Zeitschriften.
Es blieb nicht beim Kreis. 1951 wurde er Landesbeauftragter für Naturschutz im Land Brandenburg, von 1952 bis 1954 war er Referent für Naturschutz an der Akademie der Landwirtschaftswissenschaften in Berlin, von 1954 bis 1960 Gründer und Leiter der Lehrstätte für Naturschutz Müritzhof. 1976 gründete und leitete er die europaweit agierende Arbeitsgruppe Weißstorch. 1991 wurde er Ehrenpräsident des Naturschutzbundes Deutschland.
Ab 1990 beschäftigte er sich intensiv mit der Mulchgärtnerei. 1996 erschien sein Buch „Mulch Total“. Der Mulchgarten im Schau- und Lehrgarten geht darauf zurück.
Bis zu seinem Tod am 20. Januar 2007 nahm er rege am öffentlichen Leben teil, pflegte viele Kontakte und schrieb Gedichte.

Es ist allen Geschöpfen der Natur selbstverständlich, sich zur Freude zu leben. Der Mensch allein unterliegt der Gefahr, das Gesetz seiner Bestimmung zu verlieren.
Kurt Kretschmann
Kapitel 02 · Die Pädagogin aus Pommern
Die Frau, ohne die nichts davon denkbar ist
Erna Kretschmann, geborene Jahnke, kam am 12. November 1912 in Bollinken bei Stettin zur Welt. Von 1919 bis 1930 besuchte sie Volksschule und Lyzeum in Köslin, von 1930 bis 1934 machte sie die Ausbildung zur Kindergärtnerin und Hortnerin. Aus ihrer ersten Ehe mit Max Scherff stammen die Kinder Gilwar und Christel. 1942 heiratete sie Kurt Kretschmann in einer Ferntrauung.
1945 gehörte sie dem ersten Kreistag in Bad Freienwalde an und wurde Kreisrätin für Volksbildung. Danach folgte eine lange Reihe fachlicher Ämter: Referentin für Landschaftsgestaltung und Naturschutz im Rat des Kreises, Mitarbeit im zentralen Fachausschuss für Landschaftsgestaltung und Naturschutz, Lehrgang für Landeskultur in Tharandt, Mitarbeit in der Lehrstätte Müritzhof, Bezirkssekretärin für Natur und Heimat im Kulturbund Frankfurt an der Oder. Mit diesen Anstellungen finanzierte sie die Familie.
Unter ihrem Einfluss ist Naturschutz im Haus der Naturpflege immer auch Umweltbildung. Nicht erklären, was verboten ist, sondern zeigen, was es zu entdecken gibt. Jahrzehntelang arbeitete sie an der alten Erika, ihrer Schreibmaschine. Als Autorin eigener Werke und als Ko-Autorin und Lektorin ihres Mannes veröffentlichte sie gemeinsam mit ihm mehr als 2000 Beiträge in der regionalen und überregionalen Presse und in Fachzeitschriften.
Zeitzeuginnen und Zeitzeugen erzählen, dass sie im Zusammenwirken mit ihrem Mann oft die menschliche Übersetzungsarbeit leistete und mit ihrer Empathie Türen für Verständigung öffnete, die dem strengeren Duktus ihres Mannes verschlossen geblieben wären.
1998 erhielt sie die goldene Ehrennadel des NABU. Den Europäischen Umweltpreis 1993 und die Ehrenbürgerschaft von Bad Freienwalde 1999 nahmen beide gemeinsam entgegen. Erna Kretschmann starb am 6. Januar 2001 in Bad Freienwalde.
„Ich wuchs in der Stadt Köslin auf, im heutigen Polnischen, verlor früh den Vater. Mein Großvater und später eine Freistelle ermöglichten mir den Besuch des Lyceums und die Ausbildung zur Kindergärtnerin und Hortnerin. Durch meinen ersten Mann kam ich nach Rüdnitz bei Bernau, lernte dort Kurt kennen. Die Begegnung mit ihm verwandelte mein Leben.“
Erna Kretschmann, aus „Ein Leben in Harmonie“ von Marion Schulz

Die Natur arbeitet mit Geduld. Wir sollten das auch tun.
Erna Kretschmann
Kapitel 03 · Wie die Eule entstand
Ein Zeichen, das niemandem gehört
1950 wurde in Bad Freienwalde auf Initiative Kurt Kretschmanns das weltweit erste Symbol für den Naturschutz geschaffen: eine schwarze Waldohreule auf gelbem Grund. Ersonnen haben es die beiden gemeinsam mit anderen Naturschützerinnen und Naturschützern der Region. Von Bad Freienwalde aus verbreitete es sich über das Land. Kaum ein anderes Zeichen des deutschen Naturschutzes besitzt eine vergleichbare gesellschaftliche Präsenz.
Die Kretschmanns erzählten im Laufe ihres Lebens mit wenigen Abwandlungen dieselbe Geschichte: Bei der Artenerfassung fragte Kurt die Bevölkerung nach Nistplätzen von Eulen in Kirchen und Scheunen. „Ach, Sie wollen wissen, wo der Totenvogel wohnt?“ soll eine wiederkehrende Antwort gewesen sein. Um den schlechten Ruf der Eulen zu verbessern, wählten sie sie zum Symbol. Überliefert ist auch, dass die Wahl erst nach vielen Überlegungen und Diskussionen mit den Naturschützerinnen und Naturschützern im Umkreis fiel.
Ganz aufgeht die Erzählung nicht: Das Fangen von Insekten im Kerzenschein der Kranken, das dem Totenvogel nachgesagt wird, schrieb man eher den Käuzen zu als der Waldohreule. Vermutlich hatte ihre Wahl vor allem gestalterische Gründe.
Den ersten Prototypen schuf Kurts Mitstreiter Hans Ohnesorge. Aus Kiefer schnitzte er eine Holzeule, die den Kopf eines Schaukastens am Dorfanger in Altranft zierte, in dem Naturschutzveranstaltungen angekündigt wurden.
Eine feste Form hatte die Eule nie. Ihre Gestalt wurde über Jahrzehnte von vielen Händen verändert, variiert und lokal angepasst, oft pragmatisch, gelegentlich bewusst ikonografisch. Die Kretschmann-Eule ist weniger ein Einzelwerk als ein kulturelles Kollektivprodukt. Genau darin liegt das Vermächtnis der beiden: Sie haben die Idee in die Welt getragen und ihr durch ihr Engagement zu einer Wirkung verholfen, die ohne sie undenkbar wäre.
2025, zum 75. Geburtstag, wurde die Eule noch einmal korrigiert. Der Gesichtsschleier wurde größer, die Ohren wurden in Anlehnung an die frühe Holzeule deutlicher zu Federohren.
Naturschutz geht nur mit den Menschen, niemals gegen sie.
Kurt Kretschmann
Kapitel 04 · Ein Haus, siebzehn Fachgebiete
Was aus dem Grundstück wurde
Aus dem Blockhaus von 1945 und dem Garten drumherum wurde ab 1960 das öffentliche Haus der Naturpflege, als Lehrbeispiel für praktischen Naturschutz und Gartenbau. Bis 1982 bewirtschafteten die Kretschmanns die Anlage allein, dann übertrugen sie sie aus Altersgründen der Stadt Bad Freienwalde.
Von hier gingen Naturschutz und Naturpflege aus, Wandergruppen, der naturnahe Garten, das Antikriegsengagement und der Vegetarismus. Heute ist das ehemalige Wohnhaus das Naturschutzmuseum. Im Tagungs- und Gästehaus liegt das Erna- und Kurt-Kretschmann-Archiv. Rundherum wächst der 1,7 Hektar große Schau- und Lehrgarten mit Mulchgarten, Streuobstwiese und Eulenturm.
„Unser Haus der Naturpflege kann man vielleicht als Urzelle des Naturschutzes in der DDR bezeichnen. Bis 1982 bewirtschafteten wir die Anlage allein. Von hier gingen viele Aktivitäten aus. Wir bearbeiteten immerhin 17 verschiedene Fachgebiete.“
Erna Kretschmann, aus „Ein Leben in Harmonie“ von Marion Schulz
Lebensdaten
Alle Stationen im Überblick

Erna Kretschmann
geborene Jahnke · 1912 bis 2001
- 1912am 12. November in Bollinken bei Stettin geboren
- 1919 bis 1930Volksschule und Lyzeum in Köslin
- 1930 bis 1934Ausbildung zur Kindergärtnerin und Hortnerin
- 1935 bis 1941Ehe mit Max Scherff, Geburt der Kinder Gilwar (1936) und Christel (1939)
- 1942Ferntrauung mit Kurt Kretschmann
- 1945Mitglied des ersten Kreistages in Bad Freienwalde und Kreisrätin für Volksbildung
- 1951 bis 1952Referentin für Landschaftsgestaltung und Naturschutz im Rat des Kreises Bad Freienwalde
- 1952 bis 1962Mitarbeit im zentralen Fachausschuss für Landschaftsgestaltung und Naturschutz im Kulturbund
- 1953Teilnahme am Lehrgang für Landeskultur in Tharandt in Sachsen
- 1954 bis 1960Mitarbeit in der Lehrstätte für Naturschutz „Müritzhof“
- 1954 bis 1960Ehrenamtliches Mitglied der Bezirksleitung des Kulturbundes und Bezirksbeauftragte für Naturschutz in Frankfurt an der Oder
- 1960 bis 1964Bezirkssekretärin für Natur und Heimat im Kulturbund Frankfurt an der Oder
- 1964 bis 1968Arbeit in der Volksbuchhandlung Bad Freienwalde
- 1968 bis 1982Mitarbeit im Haus der Naturpflege
- 1993Erhalt des Europäischen Umweltpreises, gemeinsam mit ihrem Mann
- 1998Verleihung der Goldenen Ehrennadel des NABU
- 1999Ehrenbürgerin der Stadt Bad Freienwalde, gemeinsam mit ihrem Mann
- 2001am 6. Januar in Bad Freienwalde gestorben

Kurt Kretschmann
1914 bis 2007
- 1914am 2. März in Berlin geboren
- 1920 bis 1928Besuch der Volksschule
- 1928 bis 1931Schneiderlehre
- 1941Einberufung zum Kriegsdienst
- 1942Heirat mit Erna Scherff
- 1945Heimaturlaub, Desertion, 75 Tage lang in einem Erdloch unter einer Gartenlaube auf dem jetzigen Gelände des Hauses der Naturpflege verbracht
- 1945 bis 1946Bau des Blockhauses als Wohnhaus, heute Naturschutzmuseum, in Bad Freienwalde
- 1949Kreisbeauftragter für Naturschutz im Kreis Oberbarnim
- 1950Einführung des Naturschutzsymbols mit der Waldohreule
- 1951
- 1952 bis 1954Referent für Naturschutz an der Akademie der Landwirtschaftswissenschaften in Berlin
- 1954 bis 1960Gründer und Leiter der Lehrstätte für Naturschutz „Müritzhof“
- ab 1960Umgestaltung seiner Gartenanlage zum öffentlichen „Haus der Naturpflege“ als Lehrbeispiel für praktischen Naturschutz und Gartenbau
- 1976Gründung und Leitung der europaweit agierenden Arbeitsgruppe Weißstorch
- 1982Die Kretschmanns übertragen aus Altersgründen das „Haus der Naturpflege“ an die Stadt Bad Freienwalde
- ab 1990Intensive Beschäftigung mit Mulchgärtnerei, 1996 Herausgabe des Buches „Mulch Total“
- 1991Berufung zum Ehrenpräsidenten des Naturschutzbundes Deutschland
- 1993Erhalt des Europäischen Umweltpreises, gemeinsam mit seiner Frau
- 1999An seinem 85. Geburtstag Verleihung der Ehrenbürgerschaft der Stadt Bad Freienwalde, gemeinsam mit seiner Frau
- 2001Tod seiner Frau Erna
- 2007bis zu seinem Tod am 20. Januar 2007 nahm er rege am öffentlichen Leben teil, pflegte viele Kontakte und schrieb Gedichte

Für uns ist Naturschutz
eine große Friedensarbeit.
Erna und Kurt Kretschmann
Erna und Kurt Kretschmann auf einem Findling im Oberbarnim. Foto: Hartmut Sommerschuh
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Bis zu ihrem Tod hinterlassen die Kretschmanns ein beeindruckendes Werk. Mit ihren Spuren setzen sie bis heute Maßstäbe für ehrenamtliches Engagement im Naturschutz. Museum, Archiv und Garten sind während der Öffnungszeiten für alle da.
Bildnachweise: Kurt Kretschmann mit Falke und Erna Kretschmann im Garten, Archiv Haus der Naturpflege e. V. Kurt an der Geige und Erna in der Tür sowie Erna und Kurt auf dem Findling, Fotos: Hartmut Sommerschuh. Texte nach dem Kalender „Zeit für Naturschutz“ zur Ausstellung eulenARTen, den Lebensdaten des Vereinsarchivs und „Ein Leben in Harmonie“ von Marion Schulz.


